Freitag, 30. September 2016

Die Gwailor-Chronik - Schicksalspfade


Allgemeines:
Titel: Die Gwailor-Chronik - Schicksalspfade
Autorin: Susanne Gavénis
Verlag:  AAVAA Verlag (2014)
Genre: Fantasy
ASIN: B019ZVX6XW
Seitenzahl: 513 Seiten
Preis: 6,99€ (Kindle-Edition)
Inhalt:
"Er blickte nicht zurück, und er nahm keine Waffen mit sich. Dort, wo er hinging, würde er kein Schwert benötigen. Er besaß weder ein Ziel noch eine Zukunft. Nur eins war nun noch von Bedeutung: Es sollte nie wieder Menschen durch ihn ihr Leben verlieren!"
Der Augenblick der Wahrheit rückt unaufhaltsam näher. Dayin, mittlerweile zum jungen Mann herangewachsen, versucht noch immer verzweifelt zu beweisen, dass er kein Mörder ist. Doch das Netz aus Intrige und Verrat zieht sich immer enger um ihn zusammen und mächtige Feinde setzen alles daran, die grausame Prophezeiung Wirklichkeit werden zu lassen.
Schließlich muss Dayin erkennen, dass sein Scheitern nicht nur für ihn selbst, sondern auch für die beiden Königreiche Gwailors den Untergang bedeuten würde.
Bewertung:
 DISCLAIMER: Da dies der zweite Band einer Dilogie ist, können mögliche Spoiler über den ersten Teil nicht ausgeschlossen werden!
 Kaum hatte ich die letzten Zeilen von "Die Gwailor Chronik - Im Schatten der Prophezeiung" zu Ende gelesen, musste ich schon diesen nächsten und letzten Teil beginnen. Obwohl die Story nicht wirklich mit einem Cliffhanger endet, bin ich von dieser Reihe komplett eingenommen, sodass ich auch dieses Buch innerhalb wenigen Stunden beenden konnte.
"Bisher war sein Leben stets von der Prophezeiung und von den Menschen, die auf sie reagiert hatten, vorgezeichnet worden. Heute tat er zum ersten Mal etwas aus sich selbst heraus, und es fühlte sich gut an, auch wenn es bedeutete, dass er alles aufgab, was ihm am Herzen lag. Viel war das allerdings nicht, nur ein Leben, in dem es weitaus mehr Feinde als Freunde gab..."
Wie auch schon beim ersten Teil ist das Cover sehr atmosphärisch und im übertragenen Sinne zu verstehen. Man sieht die selbe ganz in Schwarz gerüstete Gestalt, dieses Mal auf einem kunstvoll gestalteten Thron sitzen. Ganz in dunklen Grau-Tönen ist dieses Bild gehalten, bloß der gelbe Titel sticht hervor, sowie die glühenden Augen des Wesens, welche einen anzustarren scheinen.
Dieselbe dramatische, düster drückende Wirkung, nimmt einen beim Ansehen gefangen und spiegelt somit die Grundstimmung und Atmosphäre perfekt wider. Nur am Klapptext muss ich wieder "herummeckern", da Lilell wieder mit keinem Wort erwähnt wird,  obwohl sie Dayin in diesem Teil gleichberechtigt gegenübersteht. Die Titel der beiden Bücher passen perfekt, spiegeln das jeweilige Grundthema klar wieder.
 "Die Sonne stand im Zenit und brannte heiß vom tiefblauen Himmel herab, als Wender Dayin zum Strand Shinnors begleitete."
Mit diesem Satz beginnt das Finale der kurzen Reihe von Susanne Gavénis, direkt unter der Kapitelüberschrift "Das rastlose Herz", was auf Dayin super passt, wird man in die Ausgangssituation eingeführt, in der man die Charaktere zurückgelassen hat. Anders als im ersten Teil, bei welchem immer in größeren Abschnitten zusammengefasst von einem Königreich zum anderen gewechselt wurde, springen die Perspektiven zwischen Lilell und Dayin nun handlungsabhängig.
Während Dayin also noch immer bei seinen Großeltern auf Shinnor im Exil verweilen muss, versucht Lilell indessen mit einem neuen Problem fertig zu werden: Ihr Vater, König Rohn von Lumaar, hat es sich in den Kopf gesetzt, sie mit einem der Herzogssöhne zu vermählen. Mit all ihrer Kraft wehrt sie sich dagegen und ahnt nicht, welche anderen Grausamkeiten ihr Vater noch plant...
Als Dayin seine Chance sieht, sich endlich beweisen zu können, macht er sich auf den Weg zurück nach Treffnor. Von Heimweh geplagt muss er dort allerdings erkennen, dass ihn in den Jahren seiner Abwesenheit niemand vergessen hat... und die Prophezeiung immer noch unheilvoll über ihm schwebt und das Leben zur Hölle macht. Als er dann einen dummen Entschluss trifft, gerät er in Gefangenschaft des Königreich Lumaars und trifft zum ersten Mal auf Lilell...
"Er selbst, Beilar und die Seherin Shinnors waren als Schutz nicht ausreichend, wenn ein fanatischer Mörder nur entschlossen genug versuchen sollte, Dayin zu töten und der Prinz wusste es. Wendar sah es an seinem Gesichtsausdruck der stets eine Mischung aus Verwunderung und Angst zeigte: Verwunderung, weil er bislang überlebt hatte, und Angst, weil ich den Tod in jeder Sekunde ereilen konnte..."
Dayin, den ich immer noch als Hauptperson des Buches sehe, ist älter, stärker und reifer geworden. 20 Jahre ist er alt, dennoch hat er die Schatten der Prophezeiung keineswegs hinter sich gelassen, sie kommen erst in vollem Ausmaße auf ihn zu. Sehr faszinierend überwindet er jeden schweren Rückschlag und gemeine Finte des Schicksals immer wieder, stoisch mit viel Willenskraft, immer mit einem Bein über dem Abgrund schwebend. Der Tod scheint wirklich an ihm zu haften, so gehen alle, die ihm nahe stehen nacheinander zu Grunde. Bedrücket müssen wir ihm durch die schwere Zeiten folgen und wieder hatte ich oft das Bedürfnis ihn einfach in den Arm zu nehmen und zu versichern, dass alles gut werden würde. Innerhalb des Buches entwickelt er sich enorm weiter. Wenn vorher vor allem tiefer Schmerz, zitternde Unsicherheit, enorme Selbstzweifel und auch Großteils Angst - Angst vor einem Anschlag, vor der dunklen Seite in sich Selbst, der Zukunft, seinem Bruder, Angst vor fast allem - beginnt sein Charakter davon losgelöst bunter und vielseitiger zu werden. Es ist, als würde man ihn erst richtig kennenlernen. Nicht zuletzt Lilells sanftmütiger und aufmunternder Einfluss hat ihm dabei geholfen. Doch noch immer trägt er tiefe Narben in seiner Seele und droht immer wieder aufs Neue zu zerbrechen. Kann die junge Heilerin den Schmerz in seinem Herzen heilen?
"Wie viele Menschen willst du noch für dich sterben lassen? Niemanden - er wollte niemanden für sich sterben lassen, aber wie konnte er es verhindern? Gerrent bemaß ihn mit einem drohenden blick und wandte sich zum gehen. "Denk an meine Worte!"
Das tat er. Vermutlich würde er sie nie wieder vergessen..."
Sie tritt immer mehr in den Vordergrund und wird stärker, selbstständiger und auch königlicher gezeichnet. Auch sie ist 20 Jahre alt und somit nur noch 5 Jahre von ihrer Krönung zur Königin Lumaars entfernt. Ihre Wärme und Ausgeglichenheit lässt sie all ihren Mitmenschen zukommen und erscheint in ihren Handlungen grenzenlos mitleidvoll und gütig. Ihre Fähigkeit zu heilen wächst immer mehr zu ihr und rettet bald wie selbstverständlich auch "niederes" Menschenleben, was ihren Vater sehr entzürnt. Trotz ihres sanften Charakters sehen wir aber auch immer mehr von ihrem Temperament, welches es dem König nicht leicht macht, sie zu beeinflussen. Sie lehnt sich immer wieder in wichtigen Moral-Angelegenheiten gegen ihn auf und zeigt dabei korrekte Wertvorstellungen und viel Mut. Man merkt ihr an, dass sie später einmal eine tolle Königin werden würde. Auch sie entwickelt sich mit dem Wissen, welches sie erhält und - verliebt sich in Dayin! Das war natürlich irgendwie klar gewesen, webte sich aber sehr süß und passend in die Handlung ein.
"Ein einziges Leben war wichtiger als alle Macht der Welt.
Das hatte ihr Vater nie begriffen."
Neben den beiden rückten noch zwei andere Personen in den zentralen Mittelpunkt des Geschehens: Lilells beste Freundin und persönliche Seherin Gwaina und Wendars Bruder Beilar, der sich zum Gerechtigkeitskämpfer und Beschützer Dayins hervor arbeitet. Beide stehen ihren Freunden standfest zur Seite, als niemand sonst mehr es vermag. Die lebensfrohe und stets loyale Gwaina zeigt dabei erstaunliche Fähigkeiten, auch was Taktik anbelangt, Beilar zeichnet sich durch Stärke, Ideenreichtum und Vertrauen aus. Auch Fiéla, Lilells verständnisvolle sanftmütige Mutter und der grausame neue Waffenmeister Lumaars Anomot Trebent spielen eine größere Rolle.
So wie neue Charakter hinzukommen, müssen wir uns von alten verabschieden. Geradezu massenweise lässt Susanne Gavénis sie sterben. Sehr berührend sind nicht nur ihre Tode sondern auch die Reaktionen darauf. Die Autorin scheint neben einem Faible an seltsamen Namen, aufopferungsvollen Leibwächter und viel Schmerz, auch einer Vorliebe für tragische Abschiede zu haben. ;-)
"Ach Mutter", seufzte er.
Sie sah, still lächelnd, von dem Bild auf ihn herab.
Ihm wurde weg und gleichzeitig warm ums Herz."
Gerrent tritt als "der Böse" schlechthin auf, herzlos, machtgierig, brutal, all das veranlasste mich, ihn recht schnell zu hassen. Auch Rohn, König von Lumaar wird immer verabscheuungswürdiger in Taten und Gedanken. Mit finsteren Plänen versucht er, die alleinige Macht über Gwalior zu erlangen und dafür ein krieg anzuzetteln. Beide Reiche machen unseren Hauptpersonen das Leben unnötig schwer und treten den Frieden Gwailors mit Füßen. 
Doch bald muss man erkennen, dass beide nur bedeutungslose und jämmerliche Marionetten in der Hand der wirklichen Scheusale sind. Viele rauchende Köpfe, unnötige Irrwege, Fehler und sogar das Leben von Freunden kostet es um herauszufinden, wer hinter allem Übel steckt. Ich sage euch: Das Lesen lohnt sich!
"Tarell", flüsterte Rohn triumphierend, als er wieder einmal aus dem Fenster starrte. Das Nachbarland besaß Zuviel von dem, was Lumaar zustand, und er hatte die Absicht, Kronot nachdrücklich daran zu erinnern..."
Es wird also nicht mehr Dayins und Lilells Entwicklung in den Fokus gerückt, sondern hauptsächlich deren Handlungen und Zukunft Gwailors. Dieser zweite Teil ist viel handlungsintensiver, blutiger und epischer. Natürlich gibt es die ein oder andere Kampfszene, doch das ist nicht das, was ich meine. Wirklich entscheidenden sind die überstürzten Fluchten, Einblicke in irre, abscheuliche Pläne der Gegner, das schrille Hin- und Her zwischen den beiden Königreichen, die sich im Stakkato gegeneinander auszuspielen versuchen und nicht zuletzt ein taktisch gewiefter Plan. Selbst die triviale "Action" wirkt in diesem Buch geistreich und scharfsinnig hintergründig. Durch geschickte Wendungen, undurchsichtige Andeutungen und unkonstruierte Szenen konnte ich gar nicht mehr aufhören zu lesen. Mehr als einmal habe ich mit dem Gedanken geliebäugelt, Seherin zu spielen und einen Blick auf das Ende werfend festzustellen, dass wirklich alles gut werden kann.
"Jetzt konnte Lilell heimkehren. Rohn konnte sie nicht mehr zu dem machen, was er selbst gewesen war: ein herzloses Wesen, das in seinem Neid und seiner Gier nach macht schon lange vergessen hatte, was es hieß zu lieben. Vielleicht hatte er es auch nie gewusst."
Zum Schreibstil will ich hier gar nicht mehr viel sagen. Wie auch schon im vorangestellten Band und in "Shai´lanhal" schwingt sich Susanne Gavénis zum Wortakrobaten herauf, welcher durch präzise und doch kunstvolle Beschreibungen eine lebendige und mittelalterlich angehauchte Welt aus den Tiefen der Seiten erhebt. Gwailor mit seinen unterschiedlichen Gesichtern, Formen und Farben ist detailverliebt herausgearbeitet und unterstreicht somit die Authentizität und Symbolkraft des Geschehenen. In verschnörkelten und doch verständlichen Sätzen trifft sie genau den Punkt und vermeidet unnötige Längen. So malerisch umrahmt auch alles wirken mag, Gedanken, Gefühle werden trotzdem bodenständig und greifbar vermittelt, was die Wirkung des Gesamtbildes abrundet. 
Wie in jedem guten Final-Roman, werden alle Rätsel langsam aufgelöst, Geheimnisse und Intrigen kommen ans Licht, Verbindungen, die man niemals erwartet hätte, bis alles auf einen spektakulären Schluss zusteuert. Sehr wendungsreich und auch qualvoll nervenaufreibend gelingt es der Autorin die Spannung bis zum Schluss aufrecht zu erhalten, sodass ich bis zur letzten Seite nicht genau wusste, wie es ausgeht. Es blieb mir nur die Zeit nach einer Enthüllung den Kopf zu schütteln und mich zu schelten, warum mir das nicht früher eingefallen war.
"Du bist kein Mörder", wiederholte Lilell noch einmal sanft. Und da begriff Dayin endgültig (...)
Der Gedanke an die vielen Jahre sinnlosen Leids, zerstörter Träume und grausamen Mordens war beinahe mehr, als er ertragen konnte. (...) All der Schmerz, der sich in den zwanzig Jahren seines Lebens in sich angesammelt hatte, brach aus ihm hervor wie eine schwarze Woge und riss ihn mit sich fort."
Trotz das die Handlung mehr in den Mittelpunkt rückt, spielen die Emotionen der Charaktere die Hauptrollen. Ich meine dabei weniger bloß Liebe, sondern die Emotionen und Gefühle, die die Hauptfiguren durchleben und damit an mich als Leser transportieren. Die volle Bandbreite wird abgearbeitet und dermaßen authentisch vermittelt,  dass ich selbst diese Emotionen selbst gespürt habe und sehr nah am Geschehen war. Ich habe mit Dayin, Lillel und den anderen gelitten, gezittert, gebangt und gehofft, abenteuerliche Reisen unternommen und das Königreich Gwailor mit allen Mitteln zu retten versucht.
Die transparenten Einblicke in Gefühls- und Gedankenwelt, immer perfekt mit dem Kontext verwoben, machen die ca. 500 Seiten zu einem sehr intensiven und persönlichen Leseerlebnis.
Das Ende schließt befriedigend in einem sehr schönen Epilog - alle Hauptpersonen sowie Gwailor selbst bekommen ihr verdientes Happy-End. Zwar passt ausnahmsweise so viel Glück und gar nicht so recht zu den Büchern, doch nach der ganzen schmerzhaften Tortur haben wir Leser uns definitiv ein " Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute... - Ende" verdient!
"Dayin wusste nicht, ob sie ihr Versprechen je würde einlösen können, doch er sah ihr an, dass sie es ernst meinte. Es blieb nur noch eins zu sagen.
"Danke!"
Ja und jetzt, am Ende der Reihe um Dayin Tarell und Lilell Lumaar bleibt auch für mich nur noch eins zu sagen: Vielen vielen Dank an die Autorin Susanne Gavénis, die mir ermöglicht hat, in diese unglaubliche Geschichte einzutauchen!!!
Fazit:
 Intensiv, ohne aufdringlich zu sein; Actionreich ohne banal blutig zu werden; Emotional ohne der Spannung zu schaden und sprachlich absolut überragend - "Schicksalspfade" ergänzt die "Gwailor-Chronik" um einen faszinierenden zweien Teil voller Abenteuer, Gefühle und Spannung!


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