Samstag, 17. September 2016

Menschenkino

Allgemeines:
Titel: Menschenkino
Autor: Constantin C. Tief
Genre: Thriller
ASIN: B01EIWG98M
Seitenzahl: 311 Seiten
Preis: 2,99€ (Kindle-Edition)



Inhalt:

"Die Nacht war reif für Blut und Sperma. Sie war so warm. Sie verlangte geradezu danach. Also, was sollte ich tun?
Das Sperma konnte ich beisteuern. Das Blut musste ich mir von jemand anderem holen."


Dieser Gedanke eines Fremden ist der Auftakt des ganz persönlichen Albtraums von Düsseldorfs Star-Kommissars Johannes Kleinert.

Plötzlich ist der Sommer über die Stadt gekommen, und eine junge Frau wird ermordet. Ihre Leiche ist wie eine Installation kunstvoll auf der Dachterrasse eines Penthouses drapiert. Kleinert ist fasziniert von der Präzision und Detailverliebtheit des Mörders und stürzt sich gemeinsam mit seinem jungen, begabten Partner Victor Exner in die Ermittlungen. Doch Ihre Euphorie ist schnell verflogen als ihnen klar wird, dass sie in diesem mörderischen Katz- und Mausspiel definitiv nicht die Jäger sein werden.

Auf dem Höhepunkt seiner Karriere muss Johannes Kleinert einen Mörder zu Strecke bringen, der aus Vergnügen jede Grenze überschreitet. Der Fall führt ihn nicht nur zurück in seine Vergangenheit ins Ruhrgebiet; Johannes Kleinert muss in diesem Psychothriller auch seine Zukunft retten, als plötzlich alles auf dem Spiel steht...



Bewertung:

"Es endet. Hier."
Mein erster Gedanke, als ich das Buch zu Ende gelesen hatte war:
Wer sich so etwas ausdenkt muss entweder ein kranker Irrer oder ein unglaublich genialer Kopf sein!
Ich tendiere eher zu genial...
Das Cover ist sehr schlicht und bis auf den orangefarbenen Titel ganz in schwarz-weiß gehalten. Zusehen ist ein großes Mädchengesicht mit drei kleinen schwarzen Strichen an der Halsschlagader. Da der Mörder krakelige Zeichnungen als Warnung auf der Haut hinterlässt, insgesamt sehr passend. Auch der Titel ist sehr interessant gewählt. Der Täter beschreibt das "Menschenkino", bei dem er das Leben anderer ausspioniert, als seine Lieblingsbeschäftigung. Schon allein darin zeigt sich seine perverse Vorliebe für Spielchen, Kontrolle und das Leben anderer.

"Vorsichtig tastete ich mich durch das dunkle Gestrüpp. Jetzt bloß kein knackender Ast oder sonst irgendwas; das würde meinen kleinen Ausflug abrupt beenden. Ich wollte das unbedingt vermeiden, denn zum Ausklang des Tages hatte ich mir eine meiner Lieblingsbeschäftigungen vorgenommen: Menschenkino."
Mit einem ersten Mord beginnt alles; langsam werden Mörder, Opfer und die Ermittler in einem unheimlichen Auftakt eingeführt. Schon von Anfang an war ich entsetzt, ob des abnormalen Genusses, welchen der Mörder während seinen Grausamkeiten an den Tag legt. Fast schon sanft und charmant wirkt er bei seinen Taten, steht im krassen Kontrast zu den grauenvollen Morden, die dabei herauskommen.
Auch Hauptkommissar Johannes Kleinert ist zuerst fasziniert von der Präzession und Eleganz des Täters, muss aber schon bald das grauenvolle Ausmaß des Spiels begreifen, das der Mörder im Begriff ist mit ihm zu spielen. Immer ist der Täter dem Ermittlergespann um einen Schritt voraus, fast enttäuscht über deren Leistung, und wirkt somit absolut überlegen. Während die Stadt nervös wird und die beiden Polizisten im Dunkeln tappen, folgen immer mehr Morde und schon bald sind die Ermittler die Gejagte...

"Da drüben war Johannes Kleinert. (...)
Mit ihm zu spielen würde definitiv eine Herausforderung werden. Aber wir würden auch eine Menge Spaß haben. Und nur darum ging es hier. Spaß.
Für heute hatte ich  allerdings alles, was ich wollte. Ich hatte den ersten Zug getätigt, und es war eine perfekte Nacht gewesen. (...)
Unser Spiel hatte begonnen!"

Sehr gut gefallen hat mir Johannes Kleinert als Kommissar. Sein Charakter ist sehr schwierig zu fassen und schon gar nicht in so wenige Zeilen zu quetschen, was eine Glanzleistung des Autors bestätigt. Begeistert und detailgenau macht sich der Anfang - Vierziger an seine Arbeit und verblüfft durch eigenwillige Ermittlungsmethoden, geniale Geistesblitze, scharfe Kombinationen und viel Mut und Moral. Sehr unklar war mir, ob er seine Frau wirklich liebt, was sich zum Ende hin als Zu Beginn erschien er mir etwas konfus und seltsam, doch genau diese Individualität macht ihn so geistreich und behandelt auch dieses Buch. Sehr schnell ist er mir ans Herz gewachsen und tat mir immer mehr leid, als er durch die Unbarmherzigkeit des Täters alles zu verlieren scheint, sein Job, seine Frau, sein Freund, sein Instinkt, sein Leben...?
Etwas klarer gestrickt ist sein junger Partner Victor Exner, welcher zuerst mit cleveren, feinsinnigen Einfällen die Gunst des erfahrenen Hauptkommissars zu gewinnen versucht, später aber immer mehr unter den Psychospielchen des Mörders zerbröckelt. Ich konnte kaum begreifen, wie dieses abstruse Spiel, diesen so naiv begeisterten Charakter komplett zermalmen konnte.
 Neben den beiden Herzdamen der Ermittler, die kesse Pathologin Helen und die bodenständige Claudia, spielt eigentlich nur noch genau eine Person eine entscheidende Rolle: der Mörder!
Aus der Ich-Perspektive werden einzelne Szenen, manchmal auch nur Sätze aus seiner Sicht eingeworfen, was mich fast zum durchdrehen gebracht hat. Zu meiner großen Überraschung wechselte Constantin Tief irgendwann auch bei ihm zum eher neutraleren Er-Erzähler, mit dem er auch den Rest der vorkommenden Personen erzählen lässt. Leider erfährt man nie ein genaues Motiv für sein Handeln. Weder hatte er eine Kindheit in Armut und Ungerechtigkeit, noch ist von Gewalt oder Vernachlässigung die Rede. Es scheint, als sein er schlicht und einfach wahnsinnig.
"Er war unheimlich. Irgendetwas war mit seinem Gesicht. Es musste an dem Ausdruck gelegen haben. Jedes Mal hatte sie das Gefühl gehabt, er könne ihre Gedanken lesen. Seine schwarzen Augen bohrten sich in ihren Kopf. Sie fühlte sich nackt."
Des Täters Spaß an psychopathischen Spielchen, der Kontrollwahn und sein unüberwindbarer Blutdurst machen ihn aber trotzdem unmenschlich und einfach nur ekelhaft. Seltsamerweise konnte ich ihn trotzdem nicht so hassen und verabscheuen, wie ich das bei anderen Büchern mit Befriedigung tue. Irgendetwas an seinem Charakter, mochte er auch so befremdlich sein, hat ihn sehr anziehend wirken lassen, wie auch immer der Autor das geschafft hat.
"Das Leben anderer war spannend. Niemand konnte das verleugnen. (...) Menschen zu beobachten war eine herrliche Sache. Dagegen hatte Fernsehen keine Chance. Inzwischen würde ich mich als sehr guten Anschleicher und Beobachter Beschreiben. (...)
Das Anschleichen war ein Teil der Jagd.
Ich ging gerne jagen..."

Der Stil ist knapp gesagt: durchschnittlich. Was so viel heißen mag wie "nicht besonders schlecht aber auch nicht überragend". In kurzen Sätzen wird die Handlung vorangetrieben, gestützt durch gekonnte Zusammenfassungen, Ortsbeschreibungen und spannungsschürenden Einwürfen. Dabei sind manche Szenen sprachlich besser und andere etwas eintönig gehalten, was aber in der ganzen Handlung völlig versinkt.
"Der Schnee draußen war wunderbar. In großen Flocken fiel er gemächlich aus den tiefhängenden grauen Wolken. Sie liebte den Schnee. Er zeichnete all die harten Konturen so schön weich. Es gab dann keine Ecken und Kanten mehr, sondern nur noch herrliche Rundungen. Außerdem verschwand der ganze Dreck der Stadt unter einer blütenweißen Decke..."
Was mich aber so unwahrscheinlich stark gefesselt hat, ist die Unvorhersehbarkeit des Plots. Mich regt nichts mehr an Büchern auf, als wenn schon in den Anfangssätzen der Fortgang der kompletten Handlung abzusehen ist und jede Konversation, jedes Detail, das scheinbar unauffällig hineingearbeitet ist schon sofort seinen Zweck verrät. Doch durch die wenig vorausblickende szenische Auswahl, die mehr von Moment zu Moment lebt, ist man oft von einer Wendung schockiert, die man nicht kommen sehen hat.
Auch Erkenntnisse in der Ermittlung sind so passend mit neuen Indizien und verräterischen Details eingewebt, so dass man einen Zusammenhang immer nur einen Augenblick vor den Ermittlern versteht, was zum einen mein Mittdenken gefördert hat und mich zum anderen nicht durch lange unrealistische Durststrecken gelangweilt hat.
 Insbesondere die Darstellung des Andersseins, der Sensationshunger der Journalisten und die Einblicke in den Alltag einer Pathologin, sind mir noch positiv aufgefallen.
Immer grausamer wird die Handlung und scheint auf ein festgelegtes Finale zuzusteuern. Die Spannung steigert sich also immer mehr und ich hatte, nicht wie bei anderen Autoren, überhaupt kein Gefühl dafür, was Constantin Tief noch seinen Charakteren antun würde, wo seine Schmerzgrenzen liegen. Für einen kurzen Moment hatte ich das Gefühl, am Ende würden alle sterben.
"Das schwarze Augenpaar beobachtete sie. Sie fühlte sich wie ein Insekt in einem Einmachglas, das von einem spielenden Kind gefangen worden war. Der Mann lächelte..."
Wie viele andere Rezensionen auch, will ich gerne das Finale loben, welches akribisch vom Mörder entworfen worden war um alle noch mehr zu quälen. Dabei werden alle genannten Hauptpersonen noch einmal auf die Probe gestellt und vollkommen den Abgründen ihrer eigenen Seelen ausgeliefert. Was einen die Angst alles sagen und tun lässt, ist erschreckend, jedoch keineswegs nicht plausibel. Sehr brutal und opferreich endet das Buch mit einem offenen Wink, der nur erahnen lässt, was danach passiert.
Das alle anwesenden - inklusive Leser - aber ein Trauma fürs Leben erleiden werden, ist gewiss. Auf jeden Fall würde ich also eine Altersbegrenzung hinzufügen. Dennoch kann ich endlich mal wieder ohne groß nachzudenken ganze fünf Sterne vergeben.
Fazit:

Ganz großes (Menschen-) Kino voller psychopathischen Spielchen, blutigen Morden und talentvollen Geistesblitzen.


Vielen Dank an Constantin C. Tief, der so freundlich war, uns sein Buch als Rezensionsexemplar zur Verfügung zu stellen!

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