Samstag, 23. Juli 2016

Die Nacht der tausend Farben

 
 
 
Allgemeines:
 
Titel: Die Nacht der tausend Farben
Autor: Claudia Rehm
Genre: Fantasy
ISBN: 978-1517776497
Preis: 13,90 € (Taschenbuch)
3,99€ (E-Book)


Inhalt:

"Sie nahm noch wahr, dass sie von dem goldenen Lichts des Rings eingehüllt wurde, doch dann begann sich der Raum um sie herum plötzlich so schnell zu drehen, dass ihr schwindelig wurde. Emma hatte das Gefühl den Boden unter ihren Füßen zu verlieren und um sie herum wurde es stockdunkel. Sie wurde von einer unsichtbaren Kraft nach unten gezogen und versank in einem Sumpf aus Taubheit und Leere."

In der Nacht der Tausend Farben soll jeder junge Formwandler erstmals seine tierische Gestalt erfahren. Doch was, wenn die feierliche Wandlungszeremonie eine gefürchtete Fähigkeit offenbart, die eine Gefahr für andere Magier ist?
 Der sechzehnjährigen Emma Magdalena Trinall widerfährt genau dieses Schicksal und entdeckt eine dunkle Gabe in sich, die alles verändern soll. Ihre eigenen Freunde und Bekannte im Reich der weißen Magie wollen sie lieber tot sehen, als im Besitz dieser seltenen Fähigkeit. Verzweifelt nimmt sie die Hilfe eines schwarzen gutaussehenden Magiers an, der ihr auf der dunklen Seite der magischen Künste Schutz verspricht.  Doch schon bald muss Emma sich fragen, auf welcher Seite sie nun tatsächlich stehen will: Auf der Seite der weißen Magie, wo man sie fürchtet und ihr nach dem Leben trachtet, oder auf der Seite der schwarzen Magie, wo sie sich plötzlich mit einer noch viel größeren Gefahr konfrontiert sieht als der, getötet zu werden. Als der Teufelskreis sich schließt, steht Emma vor der größten Entscheidung ihres Lebens...


Bewertung:

"Wenn die Charakter eines jeden Menschen, so wie viele Formwandler glaubten, tatsächlich tausend Farben hatte, dann musste es ein fantastischer Anblick sein, nachts auf die Erde herabzusehen und sie in all ihren Facetten leuchten zu sehen."

An dieser Stelle erst einmal "vielen Dank" an die Autorin Claudia Rehm, die so freundlich war, uns den ersten Teil ihrer Buchreihe als Rezensionsexemplar zukommen zu lassen! Und ich muss sagen, hätte sie das nicht getan wäre mir vermutlich ein tolles Buch durch die Lappen gegangen!

Das Cover ist sehr hübsch mit dem Mädchen mit den knallroten Haaren. Auf meinem Reader ist das Cover leider nur schwarz weiß und da war ich doch sehr erstaunt, als ich es das erste Mal in Farbe gesehen hat. Und doch gefällt mir gerade das grelle Farbspiel sehr gut.
Die roten Schlieren passend perfekt in das feurige Bild, das von Emma entsteht.
Ich bin etwas verwirrt, da ich zwei verschiedene Cover gesehen habe, auf dem anderen steht eine Gestalt auf einer Klippe und breitet die Arme aus. Es sieht meiner Meinung nach mehr nach Emma, ihrer Risikobereitschaft und dem Streben nach Freiheit aus. Das Cover von meiner Ausgabe ist zwar auch zauberhaft aber meiner Meinung nach etwas zu verspielt. Etwas dunkleres oder dramatischeres hätte bestimmt nicht geschadet. Der Klappentext ist mir ein kleines bisschen zu lang und verräterisch. Ich denke, dass er weniger verraten würde, wenn er ein Ticken kürzer wäre. Allerdings muss ich auch hier sagen, dass er trotz der Länge, wenig vom Kernpunkt des Inhalts verrät, was also schon keine Spannung genommen hat.

 
"Hast du dich noch nie gefragt, was dort unten, am Grund dieses Loches ist?", wollte Emma von ihrer besten Freundin wissen..."

 
Das Buch startet nach einem mitreißenden Prolog gleich bei der Wandlungszeremonie. Die Autorin hat eine wunderbare Welt geschaffen, die in diesem ersten Teil noch nicht in allen verschiedenen Bereichen behandelt wurde, aber es gibt ja auch noch weitere Teile.
In ihrer Welt wandelt sich jeder junge Magier an seinem sechzehnten Geburtstag in der Nacht der tausend Farben in seine wahre Tiergestalt. Mir hat es unglaublich gut gefallen, von den Tieren und den Eigenschaften, die man ihnen nachsagt zu lesen. Die Wandlung entscheidet über das komplette weitere Leben, über die Stellung und den Beruf. Dazu erklärte Emma in Gedanken die Stellung, die eine solche Gestalt in der Gesellschaft einnehmen konnte. Natürlich fragt man sich sofort, was sie werden und in was man sich selbst gerne verwandeln würde. Was genau, es dann bei ihr wird, will ich hier nicht verraten, da es bei mir erst einmal so eine Art "Wow-Moment" gab, als ich es gelesen habe.
 
Womit ich am Anfang ein bisschen kämpfen musste, ist dass ein Wolf zum Beispiel eine sehr negative Wandlungsform ist und eine Maus eher positiv. Was mich auch erstmal etwas hat stutzen lassen, ist das ihr Bruder Robin ein Einhorn ist. Ja, ihr habt richtig gelesen: ein EINHORN!
Das hat für mich im ersten Moment überhaut nicht in die Geschichte gepasst, da es eher düstere und ernsthafte Fantasy ist und süße magische Tierwesen eher nicht das waren, womit ich gerechnet hatte. Aber da Robins Gestalt am Ende noch eine entscheidende Rolle spielt, konnte ich mich nach einer Weile gut damit abfinden.

Die Geschichte ist aus Emmas Sicht geschrieben, wobei aber ein Er-Erzähler gewählt wurde. Durch ihre Augen lernen wir mit ihr gemeinsam kennen, wie vielfältig die Welt der Formwandler und auch die der schwarzen Magier ist. Auch sehr interessant fand ich Emmas Bedenken vor und Reaktion auf ihre Wandlung. Als alle sie angreifen und verstoßen bleibt sie immer noch relativ bei Sinnen und zeigt wie auch in vielen anderen Szenen eine unglaubliche Spontanität und Risikobereitschaft. Ihre Gewissenskonflikte sind zudem sehr spannend zu verfolgen. Es bleibt jedoch immer die Frage: Wem kann sie vertrauen?

 
"So wie der Kampf begonnen hatte, in einer finsteren Nacht in der Emma nicht verstanden hatte, wieso die ganze Welt plötzlich gegen sie war, würde er enden: mit der einsamen Verzweiflung einer jungen Formwandlerin, die von einer Sekunde auf die andere auf sich ganz allein gestellt war."

Als der schwarze Magier Harris in der Nacht der tausend Farben auftaucht und ihr Schutz und Fürsorge der dunklen Seite anbietet, kann sie nicht widerstehen und geht mit ihm. Immer wieder wägt sie ihre eigenen Bedürfnisse und der Wunsch nach einer gesicherten und bequemen Zukunft gegen das Allgemeinwohl ab und dieses gewinnt immer. Und genau diese Selbstlosigkeit, die sie immer wieder versteckt an den Tag legt ohne übertrieben eine Heldin zu sein, macht aus ihr einen ganz besonderen Charakter. Auch das ihr in Gefahrensituationen nicht immer ein rettender Gentleman zur Seite steht und sie oft selber schauen muss, wie sie sich rettete, hat mir sehr gefallen. Sie wird von den kuriosesten Situationen immer wieder an ihre Grenzen getrieben und entwickelt sich unglaublich rapide von einem kleinen naiven Mädchen zu einer starken und selbstständigen Frau. Sie ist keineswegs eine perfekte Hauptperson. Da sind andere Facetten in ihr wie Neugierde, Furchtlosigkeit, Freiheitsliebe und Unabhängigkeit, die ihre Entscheidungen draufgängerisch und mutig wirken lassen. Gerarde durch diese Unperfektion wird sie sehr realistisch. Man kann kaum glauben, dass sie eigentlich böse und gefährlich sein soll.

 
"Ein Kampf zwischen der Liebe und dem Leben war niemals einer, der mit fairen Mitteln ausgetragen werden konnte. Die Liebe war dumm genug selbstlos und großzügig zu sein, während das leben gierig und egoistisch war. Im Kampf der Liebe gegen das Leben, besonders wenn es nicht um das eigene Leben ging, konnte es immer nur einen Sieger geben, und Emma wusste, wer er war. "

Auch bei anderen Charakteren verfließt die Grenze zwischen Gut und Böse ständig.
Und so merkt man einfach, dass es nicht klappt, Menschen in schwarz und weiß einzuteilen und einfach in Schubladen stecken. So erfahren wir Leser im Laufe der Geschichte die Schatten und Lichtseiten der beiden Parteien kennen. Emma passt nirgends so richtig hinein, da sie von beidem das beste vereint, doch sie muss das Schicksal, dass ihr bevor steht nicht alleine bestreiten. Ja und ihre verschiedenen Begleiter sind sehr speziell.
 
Harris, Morten van Exeters rechte Hand, zum Beispiel wechselt von einem Fremden, zu einem Freund, zu einem Feind, wieder zu einem Freund, zu einem Komplizen und so weiter. Man weiß nicht so recht, was man von ihm halten soll und seine Motive bleiben mehr als nur bedeckt. Doch genau das ist das Anziehende, was seinen Charakter ausmacht. Harris ist für Emma und auch für mich die dunkle Verführung, der böse Junge der Geschichte, der Emma beeinflusst. Er ist ein starker Charakter und seine Entwicklung dauert bis zum Schluss an, was ich als Pluspunkt für ihn und die Geschichte sehe.
 
Dann gibt es da noch Robin, das Einhorn, der sich als liebender Bruder entpuppt nachdem ich ihn nach den ersten paar Kapiteln als perfekten Idioten abgestempelt hatte. Er kümmert sich rührend um Emma und hält zu ihr.
 
Auch gibt es da noch Myla, eine schwarze Magierin, die sich zu Emmas Freundin und Vertraute entwickelt. Die fröhliche Schneiderin wächst einem einfach ans Herz und auch bei ihr kann man einfach nicht glauben, dass sie böse ist.
 
Andere facettenreichen Begleiter, deren Namen und Rolle ich nicht nennen will, sind ebenfalls sehr unterschiedlich gezeichnet. Von zynisch, skeptisch, herzlich, aufbrausend, still und geheimnisvoll vereinen sie die verschiedensten Charaktereigenschaften.

Schon bald müssen alle zusammenhalten, um nicht nur gegen weiße und schwarze Magier, sondern auch gegen einen äußerst gefährlichen Gegner bestehen zu können: Morten van Exeter. Er ist praktisch die Inkarnation des Bösen und nicht schwer zu hassen.
 
Der Plot wird während den 412 Seiten kein einziges Mal auch nur etwas langweilig, was definitiv eine Leistung ist. Es gibt Verluste die tragischer und weniger tragisch sind, was das Ganze noch ernsthafter wirken lässt. Ich hasse Bücher, bei denen es sowieso klar ist, dass eine Flucht glückt da der Autor sich nicht trauen würde, eine Hauptperson sterben zu lassen, doch Claudia Rehm gestaltete die Geschichte sehr unvorhersehbar. An manchen Stellen gab es kleine Logikfehler, die mich etwas verwirrt haben aber da konnte ich einfach darüber hinwegsehen. Als sie unter der Erde im Reich der schwarzen Magie aufgenommen wird und ausgebildet wird, hat mich alles sehr an "Die Bestimmung" erinnert. Auch als sie sich zum Beispiel ein Piercing stechen lässt, musste ich sofort an Tris denken.

Der reine Stil in dem das Buch verfasst ist, hat mir sehr gut gefallen. Es gibt viele beschreibende Adjektive und verschachtelte Sätze. Sie bringt ein dazu, völlig in die Geschichte einzutauchen und alles um sich herum zu vergessen, die Seiten fliegen nur so dahin und man muss unbedingt wissen wie es weiter geht.
 

"Ihre Mutter hatte ihr vor langer Zeit einmal erzählt, dass Formwandler sich nach dem Ende ihres menschlichen Daseins in Sterne verwandelten. Emma konnte sich durchaus schlimmere Schicksale vorstellen als die Ewigkeit als Stern am Nachthimmel zu verbringen!"

 
Allerdings würde ich nochmal einen Lektor auf die Lektüre ansetzen, denn ich bin doch über einige Flüchtigkeitsfehler, die beim Schreiben eben so passieren können gestolpert. Ab und zu sind Leerzeichen zu viel oder zu wenig, Wörter sind nicht in der richtigen Reihenfolge oder es fehlt ein Buchstabe. Auch manche Beschreibungen und Redewendungen wurden auffällig oft benutzt. "Der Junge mit den braunen verwuschelten Haaren", "Der Junge mit den schwarzen Augen",  "Das Mädchen mit den eisblauen Augen" oder zum Beispiel "Er erkannte ihre Absicht und..." wiederholen sich recht häufig. Außerdem musste ich manchmal etwas schmunzeln, da ich Wort-Neukreationen gefunden habe. Zum Beispiel gibt es jetzt "Überfäller", "Zuseher" (Seite 73) oder man kann "Ziel nehmen" (Seite 73).  Eigentlich wollte ich dieser tollen Geschichte 4,5 Sterne geben doch dann sah ich mich leider gezwungen noch einen Stern abzuziehen, auch wenn mich die Fehler nicht gravierend gestört haben, weil die Geschichte so toll ist.

Das Ende ist dann noch einmal sehr turbulent und actionreich. Als ich dann die letzte Seite vor mir hatte, konnte ich es kaum glauben, dass es schon vorbei war. Ich habe noch so viele Fragen und ungeklärte Handlungsstränge, sodass ich unglaublich erleichtert war, als ich sah dass es eine Trilogie werden soll.
 Auf jeden Fall freue ich mich sehr auf einen weiteren Teil Abenteuer mit Emma, Harris und wie sie alle heißen!


Fazit:

"Die Nacht der tausend Farben" überzeugt durch besondere Charaktere, ein bildreicher Schreibstil und Fantasie, der kaum Grenzen gesetzt ist und einen ins Unberechenbare stürzt. Man fiebert mit, fliegt über die Seiten, als wäre man unter den Gestaltenwanderer ein Vogel, liebt und hasst mit Emma und ist absolut geschockt über das Ende.

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