Sonntag, 5. Juni 2016

Lesetechniken


Das hört sich jetzt vielleicht bescheuert an, da jeder, der einen Bücherblog besucht wohl davon überzeugt ist, gut lesen zu können, aber es gibt viele interessante Aspekte, die selbst ein erfahrener Leser noch lernen kann. Die Verbesserung der Lesetechnik wird häufig als Steigerung des Lesetempos missverstanden. Hier geht es aber um das gezielte, kritische und intensive Lesen mit ausreichender Vor- und Nachbereitung.
  
Wenn wir Menschen lesen, dann lassen wir den Blick entlang der Leserichtung über einen Text wandern: In westlichen Ländern von links nach rechts und von oben nach unten. Dabei fixieren wir aber nicht jedes Wort, sondern überspringen im Schnitt drei Viertel aller kurzen Wörter – das sind Wörter mit nur drei Buchstaben. Meist denkt man gar nicht mehr darüber nach, was man gerade liest, sondern versinkt direkt im Inhalt. Insgesamt liest ein "normaler" Leser etwa 250 Wörter pro Minute, was sich jetzt sehr viel anhört, aber vollkommen machbar ist. Dabei gilt: Je eindeutiger die grammatische Struktur und die Bedeutung eines Satzes oder Textteils ist, desto schneller liest man. Denn je besser man versteht, was man liest, desto seltener muss man mit dem Blick zum vorherigen Satz oder Abschnitt zurückspringen. Dieses Zurückspringen heißt "Regression" und ist ein ganz normaler, unbewusster Prozess, der das Lesen allerdings verlangsamen kann. Ich denke jeder kennt die Situation, dass wenn man ein Buch zum zweiten Mal liest, einem Dinge auffallen, die man beim ersten Mal einfach "überlesen" hat. Es kommt bei mir auch sehr oft vor, dass ich mich bremsen muss und versuche langsamer und genauer zu lesen. Es hat viele Vorteile: Zum einen ist es weniger anstrengend für die Augen, man bekommt mehr vom Inhalt mit, verhindert Lesefehler und braucht einfach länger, was bei manchen Bücher auf jeden Fall von Vorteil ist. Mein Tipp an dieser Stelle ist also, lieber an Schlüsselstellen von Anfang an bewusster zu lesen, als dann in der Hälfte des Buches noch einmal zurück blättern zu müssen, da plötzlich eine Person auftaucht, die man irgendwie verpasst hat, bemerkt, dass man aus Versehen bei einem seltsamen Namen irgendwelche imaginären Vokale eingefügt hat oder einen Ortswechsel überlesen hat.

Lesen leicht gemacht

Ob man das nun schon Lesetechnik nennt oder nicht - es gibt einige wichtige Dinge, die dir das Lesen auch schwieriger Texte erleichtern. Bekannte Schriftarten wie Arial zum Beispiel, an die deine Augen bereits gewöhnt sind. Außerdem die richtige Schriftgröße – ungefähr 12 Punkt, je nach Schriftart - und eine gute Gliederung des Textes. Gut zu wissen ist außerdem, dass der oft beliebte Blocksatz den Lesefluss hemmt. Viele sind der Ansicht, dass das auch das so genannte Subvokalisieren, also das ständige (lautlose oder halblaute) Mitsprechen der Wörter, schnelles Lesen verhindert. Einig ist sich die Fachwelt darüber aber nicht.
  
Man kann schlecht zwar schlecht bei einem Buch die Schriftart, Formatierung oder Schriftgröße verändern, man kann sich aber durch das Schaffen von geeigneten Rahmenbedingungen das Leseleben einfacher machen wenn du,...
  • ...auf die richtige Beleuchtung achtest. Als ideal gilt eine gleichmäßige Beleuchtung von 1.000 Lux, das entspricht ungefähr dem Tageslicht bei bedecktem Himmel. Lichtreflexe oder Gegensätze von hellen und dunklen Zonen im Sichtfeld solltest du vermeiden – die einsame Schreibtischlampe im dunklen Zimmer ist keine richtige Beleuchtung. Und wenn man sich seinen optimalen Leseplatz erst mal eingerichtet hat, geht einem vielleicht irgendwann ein Licht auf.
  • ...die richtige Haltung einnimmst. Wenn du ein Buch auf deinen Schreibtisch legst und dich darüber beugst, sind Schultern und Nacken gebeugt und verspannen sich früher oder später. Also sitz besser gerade oder nutze ein Stehpult zum Lesen. Liegen strengt zwar auch nicht an, kann aber rasch müde machen.
  • ...Ablenkung vermeidest. Wenn du dich auf ein Buch konzentrieren willst, dann solltest du vor allem andere optische Reize vermeiden. Das gilt für den laufenden Zeiger deiner Armbanduhr genauso wie für blinkende Bildschirmschoner. Ob du nebenbei Musik hörst oder nicht, musst du selbst entscheiden. Einer Diskussionsrunde im Radio zu lauschen, ist aber sicher nicht gut.
  • ...motiviert bist. Wenn du keine Lust hast, kommst du nicht voran. Mach also bei akuter Leseunlust entweder eine Pause oder motiviere dich durch eine Belohnung, die du dir am Ende des Buches gönnen wirst. Und wenn du merkst, dass du dich beim Lesen über Inhalt, Autor oder Schreibstil nur noch ärgerst, dann leg das Buch weg und versuche, ein anderes, besseres zu finden.
  • ...dich richtig vorbereitest. Je schwieriger oder länger der Text ist, den du lesen musst, desto wichtiger ist die Vorbereitung. Das ist vor allem bei Sachbüchern oder ältere literarische Werke wichtig. Es bringt wenig, durch den Text zu hetzen, aber den Inhalt gleich wieder zu vergessen. Damit dein Leseaufwand nicht umsonst ist, kannst du die SQ3R-Methode nutzen. SQ3R steht für "Survey", "Question", "Read", "Recite", "Review".
    • "Survey": Steig nicht sofort in den Text ein, sondern lies zunächst den Klappentext, das Inhaltsverzeichnis und schau dir die Gliederung an. Vielleicht kannst du sogar einige Kapitel streichen?
    • "Question": Mach dir klar, warum du den Text liest. Möchtest du nur einzelne Fragen beantwortet haben oder den ganzen Inhalt lernen?
    • "Read and Recite": Nimm dir das Buch vor und lies es exakt. Mach dabei aber immer wieder Pausen, um dir das Gelesene noch mal zu vergegenwärtigen - und mach dir Notizen. Ohne eine schriftliche Fixierung vergisst du schon in den ersten 10 bis 20 Minuten ungefähr 80 Prozent dessen, was du gerade gelesen hast.
    • "Review": Leg das Buch nicht sofort weg, wenn du es gelesen hast. Blättere es nochmals durch, überfliege die Überschriften, formuliere die Aussagen dahinter. Damit vernetzt du das Gelesene in deinem Kopf, so dass es eine Einheit bildet.
     

Einfache Techniken fürs Lesen

Es ist hell, du bist entspannt, konzentriert und motiviert, du hast dich gut vorbereitet - aber trotzdem weißt du nicht, wie du den Literaturberg vor dir bewältigen sollst? Dann hilft dir vielleicht eine der zahlreichen Lesetechniken. Davon gibt es viele und einige erfordern eine ganze Menge Übung. Außerdem musst du natürlich die passende Lesetechnik für die passende Textart wählen – eine Zeitungsseite kannst du zum Beispiel eher "überfliegen" als Goethes Faust. 1Fangen wir aber mit den einfacheren Lesetechniken an:
  • Sequenzielles Lesen: Allzu viel Technik steckt hier noch nicht dahinter: Sequenzielles Lesen heißt einfach, dass du den Text wirklich von Anfang bis Ende liest und versuchst, alles zu verstehen. Dabei solltest du langsam und gründlich lesen, so dass du so selten wie möglich Textteile ein zweites Mal lesen musst.
  • Kursorisches Lesen: Das Kursorische Lesen ist im Grunde die Anwendung der SQ3R-Methode. Du liest also zuerst Titelblatt, Inhaltsverzeichnis, Vor- und Nachwort und ziehst danach ein erstes Fazit: Worum geht es in dem Buch wirklich, welche Informationen gibt es dir. Nun fängst du an, das Buch gründlich durchzuarbeiten. Du liest den Text also nicht nur, sondern markierst wichtige Stellen und machst dir Notizen.
  • Punktuelles Lesen: Dabei liest du einen Text nur teilweise. Das heißt, du wählst einzelne wichtige Abschnitte aus, liest diese gründlich und versuchst dann, die Bedeutungen der einzelnen Textteile in den Kontext einzuordnen.
  • Diagonales Lesen: Auch dabei liest du nur ausgewählte Bereiche eines Textes. Das sind in der Regel der erste Satz jedes Absatzes, hervorgehobene Stellen (Fettdruck, Überschriften), Aufzählungen, Schlussfolgerungen und Fachausdrücke. Dadurch kannst du einen Text schnell durcharbeiten – allerdings auf Kosten von Details und eventuell des Textverständnisses.
  • Scannen: Bei dieser Technik "fliegt" man mit den Augen über den Text und sucht gezielt nach speziellen Informationen oder einzelnen Wörtern. Die meisten von uns benutzen die Technik des "scannens" ganz automatisch beim Lesen von Webseiten. Durch das scannen verändert sich unser Leseverhalten allerdings gravierend: Fast jeder fünfte Bücherleser zwischen 20 und 29 Jahren überfliegt seine Lektüre heutzutage lediglich, liest nur das Interessanteste und verliert dadurch bei langen und schwierigen Texten schnell die Geduld. Wenn du auch am liebsten "scannst", wirst du dich im Studium und später im Beruf umstellen müssen. Aber keine Angst: Das Gehirn bewältigt das relativ leicht und gewöhnt sich in recht kurzer Zeit an die Aufnahme und das Speichern größerer Textmengen.

Also was lerne ich aus diesem Post? Ich lese komplett falsch. Naja! Allgemein kann ich sagen, dass man versuchen sollte langsamer und bewusster zu lesen. Manche dir vor dem Lesen also immer klar, mit welcher der genannten Strategien du dich dem Text nähern willst. Dabei ist es in der Regel nicht sinnvoll, mehrere Strategien unüberlegt miteinander zu vermischen. Ich hoffe, ich konnte euch etwas weiterhelfen und ihr könnt etwas aus diesem Post mitnehmen. Wer sich dafür interessiert, findet hier mehr Informationen zu dem Thema.

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